24.11.2023, Eine neue Studie zeigt erstmals auf, wie ungleich der Zugang zu innovativen Krebstherapien in sechs
europäischen Ländern, darunter die Schweiz, ist. Die zeitlichen Schwankungen zwischen der Zulassung
und der tatsächlichen Verfügbarkeit in den Spitälern sind enorm. Gleichzeitig forderte die
Geschäftsprüfungskommission des Ständerats letzte Woche, dass die Wirksamkeit der Verfahren für
die Aufnahme und Überprüfung von Arzneimitteln in die Spezialitätenliste verbessert werden muss.
Krebspatient:innen in ganz Europa haben sehr ungleichen Zugang zu innovativen
Krebsmedikamenten, wie eine neue Studie1 des Niederländischen Krebsinstituts und des European Fair
Pricing Network (EFPN), dem auch die Krebsliga Schweiz angehört, ergab. Das
Forschungsteam fand grosse Unterschiede beim Zugang der Patientinnen und Patienten zu sechs
innovativen Krebsmedikamenten zwischen Ländern, innerhalb von Ländern, zwischen verschiedenen
Arzneimitteln und zwischen spezialisierten und allgemeinen Spitälern.
„Das Problem des
späten und ungleichen Zugangs zu neuen Krebsmedikamenten ist breit anerkannt“, sagt der
Onkologe Prof. em. Thomas Cerny. „Diese Studie zeigt jedoch erstmals, wann und wie Patienten
nach der Zulassung tatsächlich Zugang zu neuen Krebsmedikamenten haben“. Am längsten
dauerte es im Durchschnitt in Ungarn und Belgien, gefolgt von der Schweiz und den Niederlanden.
Bei einem bestimmten Medikament lagen sogar acht Jahre zwischen dem Zeitpunkt, zu dem das
erste Spital der Studie und das letzte mit der Verschreibung begann.
Die Rolle von Early-
Access-Programmen
Die Studie zeigte, dass in mehr als der Hälfte der Fälle der erste
Patientenzugang im Rahmen von Early Access Programs (EAP) oder im Rahmen der Off-Label-
Verwendung von Arzneimitteln erfolgte, die bereits für andere Indikationen auf dem Markt sind.
„Early-Access-Programme spielen eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, Patienten mit hohem
medizinischem Bedarf Zugang zu Medikamenten mit grossem Nutzen zu gewähren“, sagt Wim van
Harten, Forschungsleiter der Studie. „Es ist jedoch wichtig, dass EAP für die richtigen Arzneimittel
eingerichtet werden. EAPs für Arzneimittel mit begrenzter Evidenz und Unsicherheit bezüglich ihrer
Wirksamkeit könnten die Sicherheitsrisiken für Patienten erhöhen.“
Lange und
intransparente Zulassungsverfahren in der Schweiz
Auch die Schweiz kennt solche
Early-Dialogue- und Early-Access-Verfahren, die der Bundesrat diesen Herbst mit der Anpassung der
Verordnung über die Krankenversicherung (KVV) definiert hat. Vergangene Woche hat die
Geschäftsprüfungskommission des Ständerats (GPK-S) den Bundesrat ersucht, drüber in drei bis vier
Jahren Bilanz zu ziehen. Weiter hält die GPK in ihrem Bericht fest, die Bevölkerung habe zwar grundsätzlich Zugang zu geeigneten und
qualitativ hochwertigen Medikamenten. Sie bemängelt aber, dass es lange dauere bis zur Aufnahme
der Arzneimittel in die Spezialitätenliste. Zudem hält die Kommission fest: „Die aktuellen Verfahren
stossen an ihre Grenzen in Anbetracht der neuen kostspieligen Therapien, der fehlenden
Preistransparenz auf internationaler Ebene und der Versorgungsprobleme.“
Debatte zu
ethischen Grundsatzfragen
Weiter betont die GPK-S, dass die Abrechnung neuer, sehr
kostspieliger Therapien zulasten der OKP ethische Grundsatzfragen aufwerfe. Sie erachtet es als
äussert wichtig, dass der Bundesrat diese mit Priorität behandelt und ersucht ihn, die Lancierung
einer nationalen Debatte über dieses Thema zu prüfen und anschliessend in den einschlägigen
Gesetzen, Verordnungen und Weisungen entsprechende Leitlinien zu verankern. Die Krebsliga
begrüsst die Forderung nach einer solchen Debatte, die auch in Anbetracht der steigenden
Gesundheitskosten in der Schweiz dringend geführt werden muss.
[1] Julie M.
Vancoppenolle, Nora Franzen, Simone N. Koole, Valesca P. Retèl, Wim H. van Harten (2023):
https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/1
0.1002/ijc.34753, International Journal of Cancer. Die Studie basierte auf einer Umfrage unter
Spitalapothekern in 19 Spitälern in sechs Ländern. Das Forschungsteam zeigte den Weg von sechs
innovativen Krebsmedikamenten (vier zielgerichtete Therapien und zwei Immuntherapien) für 20
Indikationen von der Zulassung durch die EMA - oder sogar noch davor - bis zur effektiven
Versorgung der ersten Patienten mit der entsprechenden Therapie.
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